Jazz gehts los... im wahrsten Sinne des Wortes. War es schon tierisch schwer, wirklich neue Alben für 2008 zu finden, wird es dieses Jahr noch erheblich schwerer für mich. Der Grund ist einfach der, dass ich viel lieber in alten Alben schmökere, als jedem neuen Album nach dreimaligen Hören geich den Stempel "Highlight" aufzudrücken. Außerdem hat man dadurch einen weiteren Vorteil: Während neue Musik oftmals schon um die 20 Euro kostet, bekommt man ältere CDs auch mal gebraucht oder sogar neu in den marketplace Shops via amazon.de.
Das spart den Geldbeutel. Allerdings muss ich mich langsam fragen, ob jahresbezogene Rückblicke da noch Sinn machen. Nun ja, vielleicht macht es einfach Sinn, das Jahr nochmal passieren zu lassen, um zu schauen, welche Entwicklungen sich ergeben haben. Somit gab es nicht ganz so viel neues auf die Ohren, aber auch Altes kann ja seinen Reiz haben.
Fangen wir mal mit dem Neuen an:
Eines der wohl abwechslungsreichsten und stilistisch am schwersten einzuordnenden Alben haben sicherlich CHEER-ACCIDENT mit ihrem Album "Fear Draws Misfortune" abgeliefert. Wunderbar, dem Stilmix aus Progrock, Avantgarde und Rockmusik zu lauschen. Abgedreht und völlig fremd klingt der Soundkosmos, den die Band gestaltet. Aber nicht so verschroben wie auf den Frühwerken. Denn scheinbar hat man seine Grundausrichtung gefunden. Knackpunkt könnte der doch etwas disharmonisch wirkende Gesang sein, der dieser avantgardistischen Musikausrichtung irgendwie immer den Stempel aufdrückt. Aber auch hier finden CHEER-ACCIDENT das Mittelmaß zwischen Anspruch und Hörbarkeit. Ein wirklich tiefgehendes Album, auf dem sich auch nach 2009 noch vieles entdecken lässt.
Ein weiteres wirklich positiv daherkommendes Album haben die Briten von BIG BIG TRAIN abgeliefert. Den Langzeittest hat das erst vor einigen Wochen veröffentlichte Album indes noch nicht bestanden. Wer aber Retro will, der bekommt hier einzig das. Und das sogar noch ausgesprochen gut gemacht. Nach einigen bandinternen Umbesetzungen hat man neben einem neuen Sänger auch große Bandteile durch Gastmusiker ersetzt und kommt frischer daher als je zuvor. Wer hätte das erwartet, zumal der Sänger gar nicht mal so anders klingt wie der Vorgänger. Aber er arrangiert seine Gesangslinien anders, erfrischender und vor allem spannender. Und das wirkt. Musik in der Schnittmenge aus Genesis (Wind And Wuthering) und symphonischen, mellotronlastigen Sounds der ganz frühen Siebziger in erfrischend frecher Form vorgetragen. Absolut gut zu hören.
Zwar nicht mehr wirklich meine Adresse, dennoch sehr gut gemacht, liefern auch IZZ mit ihrem neuen Album wunderbaren Prog ab. Das gefällt mir, obwohl ich mich mittlerweile doch um einiges von dieser Spielart enfernt habe. Erinnerungen werden wach an das famose Debüt "Sliver of A Sun" - zugegebenermaßen war jenes technisch noch nicht so einwandfrei produziert wie nun "The Darkened Room".
Schade nur, dass man sich nicht mehr in Richtung "I Move" weiterentwickelt, das wäre was wirklich ausgesprochen Innovatives gewesen. Aber auch so ein gutes Album!
Keinen Prog, und von daher auch ohne Link auf die Babyblauen Seiten, spielen die Dave Matthews Band. Mit BIG WHISKEY AND THE GROOGRUX KING (was für ein Name! *kopfschüttel*), kann der Wahl-Amerikaner mit seiner Band ein wirklich hörenswertes Album im Gehörgang platzieren. Gerüchten zufolge gibt es Menschen, denen diese jazzige Variante des DMB Sound weniger gut gefallen soll. Ich finde die CD sehr erfrischend, wenn ich auch nach wie vor der Meinung bis, dass der gute Mensch irgendwie knödelig singt. Aber das ist ein Markenzeichen und so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass dieses Album wieder die breite MAsse der DMB Fans ansprechen wird. Gut so!
Leider daneben:
Die Polen von Indukti haben mit Idmen 2009 ebenfalls ein Album vorgelegt. Gefiel mir der Vorgänger S.U.S.A.R. noch - nicht zuletzt aufgrund der Gesangsbeiträge von Riverside Sänger Mariusz Duda - ausgesprochen gut, so kann ich mit dem auf "härter, tiefer, breiter" getrimmten Sound von Idmen so gar nichts mehr anfangen. Zu affektiert, zu gewollt böse, einfach zu brachial gekracht kommt Idmen daher. Unterstrichen wird das ganze noch durch die Gesangsbeiträge, die das Böse aus den Boxen quillen lassen. Ein wenig zuviel des Guten, was die Jungs da zeigen. Zumindest für mich. Vor 10 Jahren hätte mich Idmen durchaus zu begeistern gewusst (womit es sicherlich auch heute noch seine Hörerschaft finden wird), erwärmen kann es mich leider dieser Tage überhaupt nicht.
Was ganz Spezielles:
Eine der großartigsten Veröffentlichungen des vergangenen Jahres ist aber sicherlich dieses Schmankerl, zumindest wenn man einen Hang zum Jazz hat und sich durch wildes Rumgetröte der Miles'schen Trompete nicht abschrecken lässt. Der komplette Backkatalog der auf Columbia erschienen Miles Davis Alben ist 2009 in einer Box veröffentlicht worden. Über 50 Alben mit Aufnahmen von 1949 bis 1989 auf insgesamt 73 CDs gibt es hier für günstiges Geld zu kaufen. Das Preis Leistungs Verhältnis ist unschlagbar, zudem die hübsch aufgemachte Box inklusive eines fetten Booklets daherkommt und sämtliche CDs in Pappschubern daherkommen, die das Originalcover zeigen. Zahlreiche Bonustracks, wie bereits auf den Re-Releases sind enthalten und ebenfalls rare Live Aufnahmen. Wunderbar. So braucht man sich nicht den Backkatalog mühsam zusammenkaufen. Toll! Bitte mehr von sowas.