Ach du heiliges Blechle... etwas erstaunt war ich schon, als Sal im Namen der progrock-dt bei uns babyblauen Rezensenten nachfragte, wie unsere Jahres-Top-Alben aussahen. Gerade mal acht aus dem Jahr 2008 hatte ich rezensiert. Damit verschlimmert sich der Zustand von meinem Rückblick 2007 noch um einiges. Irgendwie scheint die aktuelle Entwicklung an mir vorbeizurauschen. Viel lieber stöbere ich in den Eingeweiden der Vergangenheit, hole mir dort die nötigen musikalischen Impulse und staune dabei nicht schlecht, welche Perlen in den 70ern veröffentlicht wurden.
Wenn mich dieser Tage etwas fasziniert, dann sollte es irgendwie eine Nähe zum symphonischen haben oder irgendwelche Jazzbestandteile. Und so verwundert es mich kaum, wenn alle meine Lieblingsalben von 2008 in genau diese Richtungen tendieren: Avantgardistisch, jazzig, schräg, quer und alles andere als leicht verdaulich.
Ohne eine wirkliche Reihenfolge anzulegen, nenne ich an erster Stelle mal bbi mit ihrem selbstbetitelten Album. Der treibende Jazzrock dieses französischen Powertiros fasziniert durch eine wirklich gute Power, verspielte Momente und vor allem nachvollziehbarer Strukturen. Das ist ja nicht unbedingt gewährleistet, wenn einem Album die Attribute "Avantgard" oder "Zeuhl" (sprich: Zööl) angeheftet werden. Mit Philippe Bussonnet spielt der aktuelle Magma Bassist den Viersaiter und irgendwie macht es mir Angst, denn Magma sagt mir nicht unbedingt zu, allerdings gefallen mir die Ableger ausgesprochen gut. Vielleicht sollte ich Magma doch mal näher antesten?
Bleiben wir mal beim Herren Bussonnet. Auch bei One Shot spielt dieser Herr die vier Saiten und auch hier bin ich fasziniert vom aktuellen Album Dark Shot. Oh mann, dies ist genau die Art Musik, die mich zur Zeit anmacht. Treibende Rhythmik, geradlinige Strukturen mit einer Spur jazziger Verspieltheit. Es macht schon enormen Spaß, diesem Album zu lauschen. Einziges Manko könnte auf lange Sicht die Eingängigkeit sein. Dark Shot läuft bereits nach wenigen Minuten derart treibend in die Gehörgänge, dass man unweigerlich mitwippt und die Melodien schon bald mitsummt. Derzeit macht es aber riesigen Spaß, diesem Werk zu lauschen.
Bleiben wir mal bei Magma und deren Ableger. Sehr spät und von daher noch kaum gewürdigt aber bereits als gut befunden ist dieses Werk von Jannick Top, seines Zeichens auch ein Bassist aus der Magma Familie. Dieses Album ist schon sehr nah an diesen nervigen Zeuhl Strukturen - dieses ewig wiederkehrende, auf einer Tonlage exzessiv rummusizierende. Komischerweise ist es hier so brilliant eingarbeitet, dass es nicht nervt. Fantastische Musik, die ich mir aber noch einige Mal reintun muss, um wirklich mehr darüber zu erfahren.
Kommen wir mal weg von dieser Sparte. Deus Ex Machina, beste italienische Band (O-Ton Sal), haben dieser Tage auch ein neues Album rausgebracht. Kann man prima hören und macht durchaus Spaß. Die alten Alben machen jedoch noch mehr Spaß. Übrigens kann man sich viele von den frühen Werken kostenlos bei lastfm.de herunterladen. Sollte man nutzen. Gewöhnungsbedürftig ist erstmal der Gesang, der sehr hoch, affektiert und teilweise lateinisch daherkommt. Die Musik verbindet jedoch den klassisch italienischen Prog mit einer ganz großen Portion Jazz und das macht viel Spaß.
Weiter gehts mit Zeuhl... Ich sehe schon, ich komme dieses Jahr wohl kaum drumherum. Aber jene aktuelle Alben die mir gefallen, kommen momentan einfach aus dieser Ecke. Guapos Elixirs musste ich haben, weil mir der Vorgänger Black Oni einfach als Offenbarung im Bereich düsterer Klänge erschien. Elixirs kann (und will wahrscheinlich) diese düstere Stimmung gar nicht aufbauen. Dennoch haben die Herren O'Sullivan und Smith einen würdigen Nachfolger produziert, der sich teilweise sehr minimalistisch präsentiert und phasenweise minutenlang ereifert, Stimmungen wachsen zu lassen. Dies gelingt vorzüglich, allerdings sollte erwähnt sein, dass das Album arg "depressiv" daherkommt und garantiert nicht jedermanns Sache ist (aber welche meiner Empfehlungen kann das nicht von sich behaupten?)!
Die Wiederveröffentlichung des Jahres
Es wird also Zeit, mal was anderes zu erwähnen, als ewig nur düster verschrobene Klänge. Deshalb seien an dieser Stelle einfach die Re-Releases des Genesis Backkatalogs erwähnt, die in beeindruckender Klangqualität altes Material aufhübschen und in nie da gewesener Brillianz präsentieren. Allen voran sei natürlich das Box-Set 1970-75 erwähnt, welches ich nun auch in Händen halten darf. Großartigerweise lassen sich diese Super Audio CDs (SACD) auch einzeln erwerben, so dass man auch die Teile aus anderen Boxen ergänzend dazukaufen kann. Absolut wertig und ein unentbehrliches Muss für jeden Liebhaber des Genesis Materials.
Ein Nachruf
Bedingt durch den Tod des Bandleaders Esbjörn Svensson im Sommer diesen Jahres wurde ich aufmerksam auf diese Jazztruppe aus Norwegen. Das Esbjörn Svensson Trio, kurz e.s.t., schaffte es binnen kurzer Zeit, zu meinen Favoriten zu gehören.
Der perlende Klang des Pianos, gepaart mit klassischem Jazz und modern groovender Leichtigkeit gefallen mir ausgesprochen gut. e.s.t. sind ein Dauerläufer in meinem CD Player geworden. Stellvertretend für den gesamten Backkatalog sei hier das Album Strange Place For Snow genannt, welches vom liebevollen Jazz bis hin zu TripHop Momenten einfach alle Stilmerkmale eines spannungsgeladenen und perfekt aufgebauten Albums beinhaltet. Aber egal ob man sich an anderen Alben versucht, e.s.t. machen ihre Sache fast immer gut. Lediglich das erst nach seinem Tode veröffentlichte Album Leucocyte aus 2008 will bei mir nicht so ganz zünden. Dennoch, Esbjörn Svensson wird in der Erinnerung verbleiben. Ganz sicher.
Meine persönliche Entdeckung des Jahres
Die Entdeckung des Jahres aus dem Bereich Progressive Rock ist diese Band mit dem bescheuerten Namen Supersister. Was eher nach einer Girlieband mit Dancefloor Charakter klingt, entpuppt sich als bei genauer Betrachtung als lupenreines Kronjuwel einer längst vergangenen Zeit. Bereits 1972 veröffentlicht bieten Supersister auf dem Album "To The Highe$t Bidder" eine Symbiose aus Leichtigkeit und Verspieltheit, liefern spaßig treibende Nummern neben symphonisch epischen Stücken und beeindrucken durch ihre lockere Art zu spielen. Der Sound orientiert sich dabei an der Canterbury-Szene und bindet phasenweise lockeres Jazzfeeling mit ein.