Am 21.05 war es, also schon 4 Tage zurück, da fuhr ich mit meinem Stiefvater ins nahegelegene Düsseldorf zur dortigen Philipshalle. Einzulösen galt es ein Ticket, das zwar schon für November letzten Jahres bestimmt war, aber, hach, auf diesen Anlass hatten wir dann doch gern gewartet. 1988 hatte Frank Zappa sein letztes Konzert in Deutschland gegeben [später kam er noch einmal kurz als Dirigent für das Ensemble Modern], wenige Zeit später wurde ihm der Krebs diagnostiziert, Ende '93 starb er. Nun oblag es also seinem Sohn Dweezil, einen Abend mit der Musik seines Vaters zu füllen - eine gleichermaßen würdigende wie anspruchsvolle Aufgabe.
Zunächst, die Parkbedingungen zeigten sich besser, als von der Direktion der Philipshalle in Aussicht gestellt. Diese warnte nämlich vor vollen Parkplätzen rund um die Halle und riet dazu, sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wir ließen es auf einen Versuch ankommen und ergatterten tatsächlich einen der besten Parkplätze auf einem sonst gähnend leeren Feld, gleich neben dem Ort der Begierde. Ich befürchtete schon, dass der Andrang wohl nicht so groß sein würde und der arme Abkömmling Zappas vor mager gefülltem Saal spielen müsste. Nichts desto trotz bevölkerten im Verlauf des Vorabends aber immer mehr Menschen die Halle. Ich wünschte, ich hätte ein paar Moneten mehr mitgenommen, so bleibt mir das "Titties 'n Beer"-Shirt verwehrt. Schade.
Natürlich habe ich meine Kamera vergessen, daher an dieser Stelle keine Bilder. Unsere Sitzplätze (ja, alles war bestuhlt) befanden sich seitlich neben der Bühne, fast ganz vorne. Das war insofern ärgerlich, als dass die Bühne teils von Boxen verdeckt war. Im späteren Verlauf bedeutete das den optischen Verlust zweier Musiker, anfänglich war es das fehlende Fünftel der Leinwand.
Leinwand? Jup. Statt Vorband kam Tonband plus Film - und zeigte den Meister selbst bei einem Auftritt in etwa aus der Zeit, in der auch "Roxy & Elsewhere" eingespielt wurde, also Mitte der 70er. Das ist ja schon ein wenig gewagt, dachte ich mir, denn damit wurde die Erwartungshaltung natürlich enorm hochgekurbelt. Und so wirkten die Musiker dann auch ein wenig angespannt, als sie die Bühne betraten. Viele waren es und bis auf Dweezil Zappa und Sänger/Saxophonist Napoleon Murphy Brock waren sie alle jung und frisch. Das heißt, halt!, der offizielle Vaultmeister - und damit Nachlassverwalter des Zappa-Archivs - Joe Travers war natürlich auch mit von der Partie, hinter seinem Schlagzeug.
Los ging es u.a. mit den eher einfacheren Frühwerken 'Hungry Freaks Daddy' und 'Let's Make The Water Turn Black'. Während der Großteil der Gruppe noch Zeit zum warm werden brauchte, war einer schon ganz auf der Höhe: Napoleon Murphy Brock. Wahnsinn, was dieser Mann dort auf der Bühne veranstaltet hat. Singt aus voller Kehle, klingt dabei noch besser als auf den alten 70er-Aufnahmen, tanzt, scherzt, spielt Saxophon - dabei müsste er die 60 mittlerweile bestimmt überschritten haben. An diesem erfahrenen Urgestein konnte sich der Rest der Truppe hochziehen. Ich dachte, dass man den guten Herrn Brock wohl für die ersten Stücke "verheizen" wollte - weit gefehlt - er war fast über die volle Länge präsent, sang die meisten Stücke und machte gegen Ende sogar noch Kraftübungen auf der Bühne - Weltklasse.
Zur Mitte des ersten Sets hatte die Band zu sich gefunden, das wirkte jetzt alles sehr kohärent und stimming. Dann wurden auch einige meiner Lieblings-Zappa-Stücke ausgepackt: Größte Teile der Nanook-Suite, Inca Roads und Imaginary Diseases (letzteres hatten sie bislang noch nicht gespielt). Gerade Inca Roads brachte mich mit einem ausgedehnten Solo Dweezils ins Schwärmen. Er klingt nicht wie sein Vater, gottseidank versucht er es auch gar nicht, und fügt sich doch nahtlos in die Stücke ein, spielt unglaublich gekonnt und dynamisch, wirkt auch bei allen Ansagen sehr sympathisch und bescheiden.
Kurz nach Imaginary Diseases - die Menge ist schon längst in euphorischer Stimmung - kündigt Dweezil eine kurze Pause und die Rückkehr mit Terry Bozzio an. Juhu, irgendwie wusste ich doch, dass mir das Schlagzeug, dass da in der dunklen Ecke stand, vom Aufbau her bekannt vorkam. Mein Stiefvater verlässt den Platz, ich befürchte schon, dass er nachher nicht wieder zurückfindet, doch er kommt genau rechtzeitig wieder, als es dunkel wird, mit zwei Apfelschorlen.
Terry Bozzio - that cute little drummer - wird auch sogleich in den Mittelpunkt gerückt. Die nächsten Stücke singt er selbst (darunter natürlich auch 'Punky's Whips'), in seiner gewohnt krächzigen Art. Ein einziges Mal grummle ich über den Mischer, denn sein Krächzen ist deutlich zu laut. Sei's drum, Mr. Bozzio ist eine Granate, obwohl er mittlerweile auch schon Mitte 50 ist. Gewürzt wird sein Auftritt mit einigen Anekdoten. Dweezil spricht schließlich die in Musikerkreisen gefürchtete Black Page an und Bozzio (Gee, Frank, I'm depressed!) spielt's tatsächlich, Wahnsinn. Dieser Wahnsinn nimmt darauffolgend seinen Lauf: Dweezil kündigt über Bozzios Schlagzeuggewitter an, dass sein Vater doch auch ein paar Gitarrennoten dazu geschrieben hatte, und wer hat die als erster gespielt? Na? Steve Vai! Mit tosendem Applaus wird der Gitarrenheld empfangen - welch' eine Überraschung!
Nach den Black Pages fühle ich mich wie im siebten Himmel; zwar verlässt Bozzio die Bühne vorerst, dafür spielt die Gruppe jetzt 'Peaches En Regalia'. Vais Gitarre singt, mir kommen langsam die Tränen, wunderschön ist das. Der Applaus nach den Titeln ist jetzt generell mit Standing Ovations verbunden, nach 'Montana', das mit einem furiosen Gitarrenduett Dweezil - Vai abschließt, steht die ganze Halle auf - dies wäre ein perfekter Zeitpunkt gewesen aufzuhören, schließlich waren zu diesem Zeitpunkt ja schon mehr als 2 Stunden gespielt. Aber nein, es geht weiter, wow. Nach weiteren zwei Stücken und 'Zomby Woof' brodelt der Saal. Die Leute wollen jetzt nicht mehr auf den Sitzen gefangen bleiben, sie stehen auf, viele gehen nach vorne. Das Sicherheitspersonal, das anfänglich einige ekstatische Tänzer wieder auf ihre Plätze verwiesen hatte, wirkt erst ein wenig ratlos, beschließt dann aber, nicht einzugreifen. Auch Ralf ist nach vorne gegangen, er mag sich das lieber von vorn anschauen, ich bleibe auf dem Platz, stehe nun aber auch, an das Gitter hinter mir gelehnt und genieße das abschließende 'Sofa #2'. Mit einem Augenzwinkern hatte Dweezil das letzte Stück angekündigt, auf das Raunen aus dem Publikum reagierte er mit "Jaja, ihr wisst schon, das letzte Stück, bevor ihr nicht aufhört zu klatschen und wir wieder auf die Bühne kommen" - er ist eben doch ein Schelm.
So macht er sich dann auch gar nicht erst die Mühe, erst im Backstagebereich zu verschwinden, irgendwie wirkt auch die ganze Band aufgestachelt. Gestandene Musiker wie Murphy Brock und Steve Vai liegen sich in den Armen, die Stimmung im Publikum ist schon längst über alle euphorischen Maßen geklettert. Also geht es weiter, mit 'Camarillo Brillo' - ich liebe dieses Stück, auch um mich herum hält es noch wenige sitzend auf ihren Plätzen. Nach drei weiteren ausgedehnten Zugaben schüttele ich nur noch mit dem Kopf. Das ist Wahnsinn, wieviel Uhr haben wir? Spielen die jetzt schon seit 3 Stunden? Dweezil kündigt ein allerletztes Stück an. Es wird 'Cosmik Debris' sein. Alle Musiker sind auf der Bühne, jeder bekommt ein Solo zugeschrieben, als die letzten Pleks ins Publikum fliegen bin ich unglaublich benommen, gleichzeitig aber leicht wie eine Feder und fidel.
3 1/2 Stunden hat diese Elitetruppe gespielt; keine davon zu viel oder zu wenig. Während des Konzerts fiel mir immer ein Adjektiv ein, dass es wohl am besten beschreiben würde. Dieses Konzert war würdig. An irgendeinem Zeitpunkt im Verlauf geriet es zum Selbstläufer, weil jeder Zuschauer und -hörer akzeptiert und sogar vergessen hatte, dass da Dweezil Zappa und nicht Frank Zappa auf der Bühne steht. Ich habe diesen tiefgreifend emotionalen Aspekt nie so sehr mit Zappas Musik verbunden, auf diesem Konzert kamen mir des Öfteren die Tränen; und ja, auch zahlreiche O(h)rgasmen. Dweezil versprach zu guter Letzt, zurückzukehren in sein proklamiertes Dweezildorf. Wollen mal schauen, dagegen hätte ich absolut nichts. 