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Bibelstellenmemorierung via Pop-Symphonien

Rick Altizers "Scripture Memory - Pop Symphonies" ist ohne Frage eines der bezauberndsten Beatles-Pop-Alben der letzten Zeit. Altizers räubert sich professionell, aber sehr charmant einmal quer durch die Phase "Rubber Soul" bis "White Album" (Siehe nur den "Cry Baby Cry"-Wiedergänger "Love Never Fails"), lässt dabei aber die experimentelleren Nummern aus, streut eine Prise Beach Boys ein ("I Can Do all Things Through Christ") und versteckt auch Spurenelemente Pink Floyd ("For I Know The Plans I Have For You"). Das hat was von Jeff Lynne, aber ohne Schleim. Ohne musikalischen jedenfalls.

So weit, so - sehr sogar - gut. Schwierig wird das Gelände aber, wenn man folgende Aussage des Künstlers (der übrigens kein komplett unbeschriebenes Prog-Blatt ist: Eines seiner vorhergehenden Alben, "Neon Fixation", produzierte Adrian Belew, und Altizer gehörte zu Neal Morse' Testimony-Live-Band) in Betracht zieht:

I decided to do my best to make an excellent record in hopes that you would listen to it multiple times. After repeated listening, the scriptures would be forever lodged in your brain.

"Scipture Memories" ist also explizit als Gehirnwäsche konzipiert. Tatsächlich bestehen die Texte nur aus Bibel-Stellen.

Jetzt ergeben sich mehrere interessante Fragen.

Zuerst natürlich: Wie steht der Hörer zu Indoktrinationsversuchen via Songtext?

Wer einerseits solcherart Versuche rundherum und ganz unabhängig von der eigenen Gesinnung ablehnt, gerät in die Bredouille, dass selbst scheinbar harmloseste Texte Wertsysteme voraussetzen und transportieren. Sogar instrumentale Musik ist durch ihre Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge beladen mit Bedeutung.

Wer andererseits sagt "Is mir doch komplett egal", muss sich konsequenterweise zu einem radikalen Werte-Relativismus bekennen, was konsistent schwer durchzuhalten ist. Außerdem müsste man sich dann erstmal darüber klar werden (eine weitere Frage aus diesem Komplex), ob sich Ethik und Ästhetik überhaupt ohne weiteres trennen lassen. Kann man "schön" und "gut" (im moralischen Sinne") klar von einander abkoppeln?

Die, glaube ich, ehrlichste Antwort ist daher: Es kommt drauf an, was besungen wird.

So wenig etwa ich persönlich mit fundamentalistischem Christentum anfangen kann und so nervig ich es finde, wenn in einem ansonsten formidablen Pop-Song jedes fünte Wort "Jesus ist", so ist mir letztenendes doch lieber, wenn jemand die Bergpredigt singt, als wenn es Passagen aus "Mein Kampf" wären.

Geht doch was?

Nachdem die (u.a. auch) von mir proklamierte Wiederauferstehung des Progs als Thema der Massenmedien in den letzten Monaten kaum stattfand, überrascht mich SPIEGEL Online mit einem sehr wohlwollenden Artikel zum Thema.

Nicht überraschend ist, dass dieser anlässlich der Veröffentlichung von "Harmonia live 1974" erscheint, schließlich waren die Mainstream-Medien Krautrocker seit längerem wohlgesonnen. Sondern: Dass Krautrock und Progressive Rock in einen großen gemeinsamen Topf geworfen werden, ist zwar in der Prog-Szene üblich, ansonsten eher ungewöhnlich. Dass diese Verbindung anerkannt wird, obendrein festgestellt wird, dass anderswo Prog-Bands nahezu als hip gelten (was eine üble Übertreibung ist, aber der Gedanke zählt...), das ist die eigentliche und hoffnungmachende Überraschung.

Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die "Mars Volta" als wohl das Aushängeschild des neuen Prog abseits Neo- und Retropfaden nächstes Jahr mit "The Bedlam in Goliath" kein Müllalbum herausbringen - sonst könnte die Luft aus dem Ballon des Wohlwollens zügig entweichen. Naja, wenigsten wäre der Fall nicht hoch.

Da Zeuhl Wortz Mekanïk

Ich scheine mich zu einer Art "Magma-Go-To-Guy" für's eclipsed entwickelt zu haben. Jedenfalls habe ich vor einiger Zeit nach dem längeren Vorstellungsartikel auch einen "Einkaufszettel" zur Band verfassen dürfen, der jetzt auch veröffentlicht wurde. Hier die unredigierte Original-Fassung:
"Da Zeuhl Wortz Mekanïk" vollständig lesen

Würg-80er

Nicht nur, dass die 80er die mit Abstand scheußlichsten Ürgsel-Plastik-Sounds hervorgebracht haben, nicht nur, dass diese damals eben nicht nur erfunden, sondern auch fleißig genutzt wurden, auch ansonsten waren die 80er Jahre in Sachen guter Musik eine Wüste mit wenigen Oasen der Güte darin - natürlich vor allem aus Sicht des Proggies, wie es auch die Babyblauen Annalen und zuletzt die [progrock-dt]-Top 15 der Jahre 1980-2007, in die es gerade überhaupt 3 Alben aus den 80ern geschafft habe, davon genau eines aus den Jahren nach 1985, die musikalisch ein besonders trauriges Bild abgeben, aber eben die Hälfte des Jahrzehnts ausmachen.

Bayern 3 lässt es sich aber trotzdem nicht nehmen, seit Monaten die sogenannten Kult-80er abzufeiern. Darüber könnte man sich aus musikalischer Sicht aufregen, schließlich haben insbesondere die 60er und 70er mehr Kult und vor allem mehr Qualität zu bieten. Lohnt sich aber nicht, wenn man sich nur daran erinnert, dass es beim Formatradio (zu denen leider auch die öffentlich-rechtlichen "Pop-Sender" seit etlichen Jahren gehören) am wenigsten um gute Musik geht: Die 80er sind dort nur deshalb Kult, weil der durchschnittliche Bayern-3-Hörer zu den 80er Jahren aus biographischen Gründen - als Zeit seiner Kindheit und Jugend - eine besondere Beziehung hat und somit die Senderbindung gewährleistet bleibt, müllige Musik hin oder her.

Music Unlimited 21, Alter Schl8hof, Wels/Österreich, 11.11.2007

Vom 9. bis 11.11.2007 fand in Wels bei Linz das 21. "Music Unlimited"-Festival statt, heuer kuratiert von "Sleepytime Gorilla Museum und hundertausend andere Projekte"-Elfe Carla Kihlstedt. Dementsprechend tummelten sich im Programm viele Künstler aus der San Franciscoer bzw. Oaklander Szene, der auch "Sleepytime Gorilla Museum" entstammen. Leider konnte ich erst zum letzten Tag des Festivals dabei sein, verpasste so dem Vernehmen nach einige Highlights (speziell das Ben Goldberg Quintet, Bolivar Zoar und die Secret Chiefs 3 wurden genannt), aber immerhin spielten zum Abschluss des Festivals Sleepytime höchstselbst, die nach jahrelanger Europa-Abszenz uns im Jahr 2007 gleich mehrfach beglückten.

Der Veranstaltungsort, der "Alte Schl8hof" ist nahezu ideal für ein solches Festival. Im vorderen Publikumsbereich des auch für guten Besuch ausreichend großen Hauptraums wurden für die ersten Konzerte des Tages Stühle aufgestellt und für die späteren wieder abgebaut, im hinteren Bereich gab es aber eine Art Tribüne mit ständigen Sitzplätzen, so dass für jede Vorliebe (Konzert-Sitzer vs. -Steher) gesorgt war. Im Eingangsbereich gab es eine Bar, einen Nebenraum mit Platz für CD-Verkäufer und im ersten Stock eine Art Kantine mit durchaus ansprechender Verpflegung (von leicht alternativer Küche bis hin zu regionalen Gerichten).

Die Ausrichtung des Festivals lag recht deutlich auf der "Avantgarde"-/"Kunst"-Schiene. "Music unlimited", "grenzenlose Musik", "Musik ohne Grenzen" ist natürlich nicht nur Titel, sondern auch Programm. Dies kann gut gehen - muss aber nicht.

Gut ging es am Sonntag etwa bei der chinesischen Musikern Wu Fei, die nur mit ihrer Guzheng (eine Art Zitter) und ihrer Stimme trotz der spartanisch anmutenden Ausganglage eine charmantes und durchaus abwechslungsreiches Programm bot, dass die Grenzüberschreitung im Sinne der Verschmelzung verschiedener Kulturkreise gelungen und erstaunlich kurzweilig vollzog: Von experimentell-schrägen Klängen über melancholisch-melodische Songs bis hin zu Anklängen chinesischer Folklore.

Nicht so gut ging's bei Carla Bozulich und ihrer All-Star-Band (das vorangehende niederländische (Free-)Jazz-Trio hatte ich wegen Essenpause verpasst). Auf den Punkt gebracht: Murks. OK, 90% Murks und 10% Musik. Bei aller Offenheit und Wertschätzung freier Musik: Große Passagen des Auftritts des eher großen Ensembles (7 Musiker auf der Bühne) hatten einen entschieden zu hohren Hurz-Faktor. Unkoordiniertes Gegniedel und Gefriemel ergibt nicht immer Musik, und anscheinend hatte Carla Bozulich nicht genug Präsenz, um dem Procedere über große Strecken eine andere Anmutung als Gefummel zu verleihen - und wenn, dann ragte des Resultat viel zu selten über Betroffenheits-Gejammer heraus.

Anfürsich nicht wirklich besser war der anschließende Auftritt von Extrem-Percussionist Moe! Staiano und "Gitarrist" Terrie Ex. Deren Perfomance bestand ebenfalls aus komplett freien, wirren, experimentellen Klängen, durch Bearbeiten von Schlagzeug und Gitarre mit verschiedenen Nicht-Musikinstrumente-Teilen, hatte aber wenigstens Schwung, war dank der rotzigen Punk-Attitüde von Terrie Ex, den Grimassen und spastisch Verrenkungen Moe! Staianos und des prinzipiell natürlich viel transparenteren Sounds einfach unterhaltsamer - für ein paar Minuten jedenfalls.

"Sleepytime Gorilla Museum" schließlich waren gewohnt gut. Der Auftritt begann nach dem durch einige andere Musiker unterstützten Prozessions-Einmarsch in die Halle mit einer großen, epischen Version von "The Companions", danach wurde mit unglaublicher Power und Präzision losgerockt, jedenfalls bevor nach dem ersten Drittel des Konzert die Energie auf der Bühne etwas wegsackte und leider auch nicht zu den Krachern gegen Ende ("Babydoctor" und als Zugabe "The Donkey-Headed Adversary of Humanity Opens the Discussion") in dieser überwältigenden Form zurück kehrte. Trotzdem: Besser als die allermeisten aktiven Rockbands sind SGM auch dann noch, so dass sich die lange Fahrt nach Wels (und vor allem die Rückreise mitten in der Nacht durch's Schneetreiben auf der A8) sich gelohnt hat.

Sed Non Satiata & Majmoon, Kafe Kult, München, 5.11.2007

Ganz gut gefüllt, das Kafe Kult vorgestern abend. Sollte man nicht meinen, da die Hauptband des Abends, Sed Non Satiata aus Toulouse vom Kult-Team als "Mischung aus Post-Rock, Screamo und Progrock" angekündigt war. "Screamo und Postrock" kann ich auch bestätigen, "Progrock" nicht so recht (im Gegensatz zu den Münchnern Majmoon, aber dazu mehr weiter unten).

Theoretisch hätten Sed Non Satiata mit ihrer tatsächlich ansprechenden Mischung aus monolithischen Postrock-Teilen und härteren Passagen mit geschrieenen, aber eben auch teilweise gesungenen Stimmen (eine Mischung, die per se deutlich reizvoller ist als pures Gebrülle) mich ansprechen sollen. Trotzdem sprang bei mir im Gegensatz zum Großteil des restlichen Publikums der Funke nicht über.

Teils mag dies an dem wenig variantenreichen und subtilen Schlagzeuggeknüppel gelegen haben. Eher glaube ich, dass die erstaunlich guten Majmoon mit ihrem sehr kontrastreichen instrumentalen Wechselspiel zwischen hart-lautem, hypnotisch-massiven Postrock-Krach und leisesten introvertierten Stellen das Spielen mit krassen Dynamikwechsel zuvor bereits deutlich überzeugender vollzogen hatten. Dazu kam deren mir entgegenkommende vertrackte Rhythmik, immer wieder mit 7er und 11er Takten, so dass hier zwar der "Screamo"-Teil fehlt (was ich nicht sehr bedauere), aber dafür "Mischung aus Postrock und Progrock" auf jeden Fall angebracht ist. Funktioniert übrigens auch auf Platte sehr gut ("Shimponauts Journey" gab's beim Konzert für läppische 8,- Euro. Empfehlung).

Get Hustle & Nichts, Kaf? Kult, M?nchen, 14.9.2007

Gestern war's wieder einer der Abende, die mir bewusst machen, warum ich das Kaf? Kult so sch?tze. Leider sehen das anscheinend nicht allzu viele M?nchner ?hnlich, denn wieder einmal waren nur um die 20 Zuh?rer anwesend. Ich f?r meinen Teil bin dankbar, dass es einen Laden gibt, der Gruppen wie "Get Hustle" auftreten l?sst.

Aber schon die erste Band des Abends, Nichts, war sehr spa?ig. Die neue deutsche Welle lebt. Agiler Kontrabass, erstaunlicherweise kaum nervendes elektronisches Standschlagzeug, scharf-funkige Gitarre und ?berkandidelter Gesang mit deutschen Texten, mit punkiger Energie, aber mit Groove. Sehr h?bsch, und die gut 35 Minuten, die der Auftritt dauerte, durchaus mitrei?end.

Seltsamer wurde es dann mit "Get Hustle". Wenn mich jemand fragte, ob ich mir Konzert der Band aus Portland gefallen hat, wei? ich nicht, ob ich ja sagen w?rde. Genossen habe ich es aber: Bis zum Anschlag, ja dar?ber hinaus verzerrtes, r?ckkoppelndes, b?ses E-Piano, fast ausschliesslich in tiefen Lagen gespielt und durch ein altert?mliches Tonbandger?t gejagt, unnachgiebiges, hardcore-m??ige Schlagzeuggekn?ppel und dazu affektierter weiblicher Pseudo-Gesang nach Bluesr?hren-Manier. Wie gesagt: Seltsam. Aber feine Sache.

Leider verkauften "Nichts" genau das (das Album "Fremdsch?men" kommt erst noch), und "Get Hustle" neben T-Shirts nur eine selbst gebastelte Tour-EP namens "Down from the Clouds", diese aber f?r freundliche 5 Euro. Auf Tontr?ger wirkt die Musik dankenswerterweise etwas differenzierter als der Live-Krach, und man hat in den Studio-Aufnahmen tats?chlich den Eindruck, als ob die S?ngerin doch in der gleichen Tonart wie das Piano singen kann, was live nicht unbedingt der Fall war. War aber fast egal, der Gesang h?tte auch bei getroffenen T?nen schwer genervt, was er wohl auch soll. Ich pers?nlich f?nde es aber sogar besser (und auch ausreichend), wenn die Band im Duo spielen w?rde. Die instrumentalen Passagen hatten durchaus eine ?hnlich d?stere Wucht, wie ich sie von Guapo live kenne, in einer Passage wurde es sogar schwer trance-artig, fast krautig. Davon k?nnte ich mehr vertragen.

Augenwischerei

Jo, das hat sich gelohnt. Ein Danke an die Videoprogrammmacher des Burger-King-Kanals, dass sie ein St?ck von Malajube liefen lie?en. Deren aktuelles Album "Trompe-l'?il" ist inzwischen in casa progblog.de eingetroffen und erfreut sich ausnehmender Beliebtheit. Die Frankokanadier sind so ?berschw?nglich zugange, dass man sie einfach gern haben muss, so ?berschw?nglich, dass es an Hysterie grenzt - doch das erinnert mich nur in positiver Weise an Franzosen wie Emmanuel Booz oder meinetwegen Ange, aber eben in einem Pop-Kontext, gew?rzt durch Chansonanfl?ge.

Die Arrangements sind oft proppevoll gepackt, klingen wie nahe am Anschlag, und diese Anfl?ge von Bombast und das gnadenlos rumpelnde Schlagzeug treiben die Musik auch in den Momenten voran, in denen Malajube waghalsig um Ecken und Kanten springen, die sie dem offenohrigen Progger nahebringen k?nnten, also Rhythmus-Wechsel (siehe "Montr?al -40?C", das St?ck aus dem Burger King) oder auch mal ein bisschen Polymetrik (4/4 ?ber 3/4 in "Le Crabe", auch sonst wohl das offenkundigst proggige St?ck der Platte, das neben den Rhythmusspielereien auch den Kontrast zwischen ruhig-akustischen Passagen und ?ber-Bombast beinhaltet). Und zwischendrin gibt es mit "La Russe" auch einen leicht verqueren Elektro-Ausflug, der mich sogar an "Sebkha-Chott" erinnert, evtl. wegen der ?hnlichen Gesangsart, bevor "Fille ? Plumes" als hektische Indie-Hymne gegensteuert.

Portugal. Der Mann

Diesmal ein NuProg-Tipp nicht aus der Presse, sondern von Fix, der f?r "waiter: "you vultures!" das aktuelle Album "Portugal. The Man" als Alaska, gleich eine zutreffende Beschreibung mitgeliefert: "Mars Volta lite". Tats?chlich klingen "Portugal. The Man" in Passagen frappierend nach Mars Volta, aber eben deutlich entschlackt, weniger ausufernd und im Wesentlichen ohne deren Jam- und Waber-Exzesse. Auch der Gesang klingt gelegentlich ?hnlich wie der Cedric Bixlers, allerdings deutlich weniger quiekig. W?hrend die strukturelle Entschlackung der St?cke im Vergleich zu Mars Volta eher ein Pluspunkt ist, sorgt der fehlende musikalische ?berschwang aber auch daf?r, dass "Portugal. The Man" m.E. nicht ganz so mitrei?end sind.